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Vergleich

Massenbewegung und- gewalt

Vergleich musealer Erinnerungskulturen in Deutschland und Ungarn

Aufgezeichnet von Catrin Kollmann und Waltraud Schreiber
unter Einbeziehung von Mitschriften und Protokollen der studentischen Disskusionsrunden

1. Aufgabe des Vergleichs

Im Folgenden betrachten wir zunächst die „objektivierbaren Wahrnehmungen“ der beiden Gruppen; ihre unterschiedlichen Bewertungen sagen sehr viel über die interkulturellen Unterschiede aus.
Die Auseinandersetzung mit diesen Unterschieden hilft, das Fremde besser zu verstehen, aber trägt auch dazu bei, dass man das Eigene bewusster erlebt bzw. kritisch hinterfragen lernt. Wir befassten uns bewusst auch mit aktuell Gemeinsamen und ungleichzeitig Gemeinsamen.
Anschließend sollen die untersuchten Erinnerungsorte ausdifferenziert verglichen werden und zwar in Hinsicht auf ästhetische (Metaphern, Kunst, Gestaltung/Form) und inhaltlich-thematischem Aspekte (Masse-Kollektiv-Individuum, Bilder, Medien, Themen, Dokumentieren/Informieren/Erinnern, Umgang mit Aura, Kontingenz-Zufälligkeiten, Rezipienten-Besucher).

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2. Überblick zum (unterschiedlichen) Verhalten der beiden nationalen Gruppen

2.1. Eindrücke der ungarischen Studenten

Einleitend stellen wir zunächst die Wahrnehmungen der ungarischen Studenten in den deutschen und ungarischen Museen während des Projekts: „Massenbewegung und -gewalt - Vergleich musealer Erinnerungskulturen in Deutschland und Ungarn“ vor. Was ist uns aufgefallen an der deutschen Gruppe in Deutschland und in Ungarn

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2.2. Eindrücke der deutschen Studenten

In einem zweiten Schritt stellen wir die Wahrnehmungen der deutschen Studenten in den deutschen und ungarischen Museen während des Projekts: „Massenbewegung und -gewalt - Vergleich musealer Erinnerungskulturen in Deutschland und Ungarn“ vor.

Was ist uns aufgefallen an der ungarischen Gruppe in Deutschland und in Ungarn

in Deutschland
in Ungarn
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3. Ausdifferenzierter Vergleich der untersuchten Erinnerungsorte

Im Folgenden sollen die untersuchten Erinnerungsorte ausdifferenziert verglichen werden und zwar in Hinsicht auf ästhetische und inhaltlich-thematischem Aspekte.

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3.1. Gestaltung - Formsprachen - Motivik - Kunst

Ausstellungsmacher befinden sich in einem Wettbewerb und eifern um die neuesten und modernsten Umsetzungen. Auffallend sind die sich gleichenden Adaptionen unterschiedlicher Motive und Gestaltungs- sowie Formelemente, aber auch inhaltlicher Gestaltungsideen in den untersuchten Ausstellungen.
In weiten Teilen werden die subtilen Wirkungsmechanismen über Form, Gestaltung, Architektur - vor allem in Deutschland - nur durch verdeutlichende Hinweise seitens der verantwortlichen Ausstellungsmacher und –designer deutlich. Unserer Meinung nach darf die Ästhetik aber nicht den Inhalt dominieren; dies ist eine offensichtlich schwierige Gratwanderung, die nicht immer gelingt (vgl. Ausstellung Faszination und Gewalt im Dokumentationszenrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg).
Interessant ist für uns, dass ein Bruch der Konvention fast immer als interessant empfunden wird: bei der Architektur, bei der Gestaltung, bei der Motivik, bei den Rezipienten, bei den Themen, bei den Gruppen, die individualisiert werden usw.
Die Suche nach einem Common Ground wird allerdings schnell Common Sense, so werden neue innovative Ideen nötig. Auch Deutungsmuster werden so alltäglich und oberflächlich.
Folgende Frage drängte sich uns auf: Macht es Sinn, wenn Ungarn dieselbe Herangehensweise imitiert, die sich in Deutschland eingebürgert hat? Muss nicht jedes Land aufgrund seiner Prägung und Geschichte einen eigenen Weg finden?
Auf ungarischer Seite wurde die Meinung formuliert, dass die Transparenz in deutschen Ausstellungen wichtiger genommen wird. Auch die Belege, Ausweisungen der Quellen sind im Holocaust Memorial Center in Budapest eher vernachlässigt worden; hier wurde auch das Führungspersonal als parteiischer empfunden.

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3.1.1. Metaphern finden

Bezeichnend ist, dass gerade in der Ausstellung Faszination und Gewalt im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg der Versuch gemacht wurde und auch gelungen ist, mit der Findung von Metaphern (z.B. spitze Winkel transportieren die Gewalt), den Inhalt der Ausstellung zu vermitteln, aber auch in Architektur und Ausstellungsdesign zu transportieren (Farben, Formen). Hier geht es nicht nur um die Ästhetik der Gestaltung. Das Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin versucht Ähnliches: Hier dient das Stelenmotiv als Metapher.
Auch die Trennung in Ober- und Unterirdisch, ebenso wie in Hell und Dunkel finden sich in den verschiedenen Erinnerungsorten. Auch die Leere ist eine Metapher; ebenso das Aufbrechen von Symmetrie (z.B. Pfahl im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg).
Im Holocaust Memorial Center in Budapest dienen die „Lebenslinien“ als Metaphern für die Vernichtung der Juden. Daneben gibt es Säulen, die am Anfang der Ausstellung mit persönlichen Besitztümern (z.B. eine Puppe) gefüllt sind, am Ende des Rundgangs sind diese leer. Das sind sehr einfach verständliche Übertragungen, auf einer weniger subtilen Ebene als dies in deutschen Erinnerungsorten geschieht.
An der neuen Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 ist interessant, dass die Nutzung, Minimalisierung und Symbolisierung von bzw. durch verfremdete(n) Alltagsgegenständen (Werkbänke, Schreibtische usw.) als Metaphern dienen. Unserer Meinung nach ist dieses gängige Mittel der Museumssprache innovativ für Ausstellungen, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen.
Festzuhalten bleibt aber, dass das Edikt einer dienenden Architektur nicht gänzlich negiert werden darf, gerade beim Museumsbau und der Ausstellungsarchitektur sollte nutzerfreundlich gearbeitet werden, um dem Aspekt der Vermittlung gerecht zu werden.

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3.1.2. Kunst in den Erinnerungsorten
Ein interessanter Zugang ist für uns, über Kunst Zugang zum Thema zu schaffen.
Eine klare Trennung zwischen Kunst und Information findet im Denkmal für die ermordeten Juden Europas statt (Stelenfeld oberirdisch – Ort der Information unterirdisch), in der Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 werden die Urängste des Menschen, das Nicht-Darstellbare über Kunst vermitteln. Es wird eindeutig – in der Darstellung, in der Präsentation und in der Provenienz - unterschieden zwischen Kunst als Exponat und Kunst als Informationsträger, also Quelle.
In der Ausstellung Faszination und Gewalt im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg findet sich Kunst nur in Form der Architektur, marginal wurde der Versuch gemacht, „Kunst“ als Exponat zu nutzen (Hitlerbüste): die Heroisierung Hitlers soll durch die Kontextualisierung mit dem Bild „Massenware der Büste“ gebrochen werden, aber die „glorifizierende“ Präsentation (Sockel, Licht, Kontext mit dem Bild „Auftritt Hitlers in der Luitpoldhain“) vermittelt dies leider nicht stringent.
In Holocaust Memorial Center in Budapest findet sich an vielen Stellen (Bau-)Kunst. Das Gebäude ist ein Kunstwerk, sein Festungscharakter und das Aufbrechen der Fassade, auch die Glasstühle als Erinnerungsträger in der Synagoge. Die Ästhetik steht dabei nach unserer Einschätzung aber im Vordergrund.
Kunst braucht nach unserer Überzeugung Raum um zu wirken und sich zu entfalten, ein Gegenbeispiel sind die Installationen im Jüdischen Museum Berlin, die zwar für sich alleine beeindruckend sind, ihre Wirkung jedoch nur schwer entfalten können, vor allem aufgrund der Enge im Museum. Der Besucher wird überwältigt von Eindrücken, die er nur schwer sortieren kann.
Damit muss offensichtlich auch die Vermengung zwischen architektonischem Kunstwerk und Ausstellung sorgfältig angegangen werden (ganz separiert: Stelenfeld und Ort der Information Berlin), da sonst der Besucher von Impressionen überwältigt wird (Jüdisches Museum Berlin: Liebkind-Bau + Kunstinstallationen Liebkinds + (interaktive) Kunstwerke + reguläre Ausstellung). Es sollte differenziert werden zwischen einem Bild als Quelle und einem Bild als Kunst, wie dies in Flossenbürg gemacht wird. Die Urängste des Menschen lassen sich für uns beispielsweise besser über Kunst darstellen.
Im Jüdischen Museum werden beide Gattungen verschränkt, hier kommt aber mutig und innovativ interaktive Kunst zum Einsatz. Nach unserer Einschätzung darf das Edikt „Kunst braucht Raum um zu wirken“ nicht völlig gekippt werden. Dieser ganz andere Zugang zum Thema in Deutschland wurde aus ungarischer Sicht als mehr Mut mit Kunst und authentischen Orten umzugehen konstatiert. Folgende Fragen haben sich für uns eröffnet: Funktioniert Kunst in diesem thematischen Kontext ohne Information? Können Emotionen ohne weitere informative Unterfütterung als Aussageträger dienen? Kann die Offenheit der Interpretation die Deutung bequem machen? Steigt das Bedürfnis nach Erklärung je abstrakter die Kunst?
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3.1.3. Gestaltungs- und Formelemente

Der Transfer und die Transformation der Gestaltungselemente sind in allen drei untersuchten Erinnerungsorten erkennbar und bezeichnend (z.B. großformatige Bilder). Dabei spielt auch die Aktualität der Mittel eine Rolle, die verschwinden und ausgetauscht werden können: von „blinder“ Adaption und bis hin zur (gelungenen) Weiterentwicklung.
Auffallend war für uns vor allem die Verwendung von „schicker“ Formsprache, von allgemein gängiger Ausstellungssprache sowie -design, welche anscheinend zeitlichem Wandel und „Moden“ unterliegen. Klar ist für uns auch, dass der Werkzeugkasten an Gestaltungsmöglichkeiten gezielt genutzt werden muss (Gegenbeispiel Holocaust Memorial Center in Budapest).

Folgende wiederkehrende Gestaltungs- und Formelemente sind fassbar:
  • Verortungen, hier Oberirdisch-Unterirdisch (Stelenfeld/Ort der Information im Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, Holocaust Memorial Center in Budapest): Das „Hinabsteigen“ ins „Dunkel“, in das „Unterirdische folgt ähnlichen Kontextualisierungen wie die Symbolik des Lichts als „Hoffnung“. Anscheinend empfinden die Ausstellungsmacher diese Symbolik als stringent und im weitesten Sinn verpflichtend, vielleicht da sie so klar lesbar ist; Flossenbürg stellt hier eine Neuerung dar.


  • Man kann konstatieren, dass die in Deutschland verwendeten Elemente in einem weitaus größeren Ausmaß erst verdeutlicht und dem Besucher offen dargelegt werden müssen, ausstellungsarchitektonische aber auch andere (Wahl des Ortes u.ä.). Hier wird anscheinend feinsinniger, in unserer Empfindung aber auch unterschwellig manipulativer vorgegangen.
    Interessant war für uns auch die Brechung der Symmetrie: Wie wirkt das? Wie viel Spielraum haben die Architekten? Wird das immer raffinierter/subtiler? Die Deutlichkeit in Holocaust Memorial Center in Budapest war für uns einfacher zu handhaben, weil klarer in seiner Intention. Als weitere Bestandsaufnahme kann festgehalten werden, dass Inszenierungen in den Erinnerungsorten eher selten verwendet werden (Ausnahmen: Steinhaufen in der Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 als Inszenierung des Steinbruchs, gläserne Stühle in Holocaust Memorial Center in Budapest stellen die Gemeinden nach). Eine Erklärung wäre der Aspekt der Kognitivierung, die Distanz schafft. Dies steht im Gegensatz zum Versuch der Individualisierung, gerade der Opfer, der später noch thematisiert wird.
    In dem Themenfeld „Gestaltungs- und Formelemente“ haben wir interessante Denkansätze entwickelt: Dient die Metapher der Leere, des Nicht-Darstellen-Könnens als Apologismus für das „Augenverschließen“? Wie viel Apologie steckt in den allgemeingängigen Formensprachen und Aussagen? Hier gerade die Frage, weshalb in der Budapester Ausstellung in hohem Maße offensiv mit „Schreckens“-Bildern gearbeitet wird, die in dieser Form in keiner deutschen Ausstellung der Jetzt-Zeit Verwendung finden. Unterstützt die Behauptung der Undarstellbarkeit einen Verdrängungsmechanismus?

    Exkurs: Ausstellung Konzentrationslager 1938-1945 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg als Paradebeispiel (14MB)

    Der Vergleich zwischen den drei Orten - Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Ort der Information des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, Ausstellung „Faszination und Gewalt“ im Dokumentationszenrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg - drängt sich für uns auf. Hier wird sichtbar, dass die Gestalter sich, analog Holocaust Memorial Center in Budapest, sehr deutlich erkennbar „bedient“ hatten, indem sie mediale und formsprachliche Gestaltungsideen aus den anderen Erinnerungsorten aufgriffen. Deutlich wurde eine Adaption der Motivik, der Gestaltungselemente und der (Inszenierungs-)Methoden.
    Vor allem in Flossenbürg wird diese Adaption an verschiedenen Beispielen deutlich; über diese „Ideen-Übernahme“ kann man geteilter Meinung sein. Äußerst positiv bleibt zu vermerken, dass dort versucht wurde, die ggf. vorhandenen Unvollständigkeiten zu vermeiden bzw. die Ideen weiterzuentwickeln.

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    3.2. Inhaltlich-Thematisches

    Die Alleinstellungsmerkmale einzelner Ausstellungen schlagen sich in verschiedenen Ausformungen nieder - Lage, Geldgeber, Intention (hier Informieren, Zielsetzung, Fokus der Fragestellung). Was sich ähnelt, sind Technik und Struktur sowie das Thema an sich, das mit unterschiedlichen Fragestellungen und unter diversifizierenden Blickwinkeln betrachtet wird.
    Im Folgenden soll der Fokus der einzelnen Fragestellungen sowie thematischer Zugänge erörtert werden.

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    3.2.1. Masse, Kollektiv, Individualisierung, Stereotypisierung

    Das Individualisieren der Opfer ist in den untersuchten Erinnerungsorten „gängiger“ als die Individualisierung der Täter. Parallel tauchen die Opfer häufig als Masse auf, im Kontrast dazu die Täter als Kollektiv.
    Hörstationen und private Zeugnisse dienen als Mittel der Individualisierung (Ort der Information des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Holocaust Memorial Center in Budapest). An dieser Stelle möchten wir gerne die Frage aufwerfen, ob diese Individualisierung der Opfer mit einem vermeintlich besseren Zugang zur Thematik des Holocausts begründet werden kann.
    Die nicht stattfindende Individualisierung des „Täters“ kann als Beispiel für Verdrängung und (Nicht-)Aufarbeitung von Schuld auf Täterseite gedeutet werden. Ein weiteres Erklärungsmuster stellt unserer Meinung die breite Selbst-Akzeptanz der „Deutschen“ als Tätervolk dar.
    Interessant ist, dass dies im kollektiven Bewusstsein der Deutschen so verankert ist, dass diese Aussage in der deutschen Gruppe nicht hinterfragt wurde bzw. im Fall der neuen Ausstellung in Flossenbürg, die, im Gegensatz zu den anderen untersuchten deutschen Ausstellungen, die Täter als Einzelpersonen, als „Normalbürger“ darstellt, begrüßt wurde.
    In der Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 werden auch die Täter thematisiert und individualisiert sowie in Kontext gesetzt. Diese Deutlichkeit wird als angenehm empfunden, als gewünschter Reibepunkt.
    Hier wurde das Darstellen der Täter einer „untergeordneten Ebene“ als Position beziehen verstanden.
    Im Gegensatz dazu zeigte sich die ungarische Gruppe irritiert bis hin zu ablehnend gegenüber der Ausstellung im Holocaust Memorial Center, die die Ungarn als Täter darstellen will.
    Interessant ist die Beschränkung der Darstellung von Schuldigen auf die Darstellung einer Elite oder eines gesichtslosen Kollektivs an Tätern, die stereotypisch an Individuen festgemacht werden: in der Budapester Ausstellung General Horty und die Pfeilkreuzer, in der Ausstellung „Faszination und Gewalt“ im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg die Elite der Propagandaabteilung (Reifenstahl, Sperr, Streicher). Für uns stellt die neue Ausstellung in Flossenbürg in dieser Hinsicht eine positive Innovation dar: Ohne die Bereitschaft einer „Tätermasse“, einer „Mitläufermasse“ sind die Verbrechen des Holocausts nicht möglich; dass diese Täter hier thematisiert werden, wurde als Plus empfunden.
    Im Holocaust Memorial Center gibt es stark typisierte Darstellungen, z.B. die ungarische Polizei, die Parteien als Kollektive und daneben eine starke Stereotypisierung. Auch in der Nürnberger Ausstellung wird mit Stereotypen gearbeitet, die „großen Täter“ werden leider lediglich als Schemata vermittelt.
    Nach Einschätzung der ungarischen Gruppe ist es in Ungarn weitaus schwerer, Täter zu individualisieren, da dies immer als Beschuldigung interpretiert werden würde. In den ungarischen Erinnerungsorten würde dies keinen verbesserten Zugang zum Thema darstellen, sondern den Fokus der Ausstellung komplett verlagern sowie eine gesellschaftliche Kluft vergrößern.
    Festzuhalten bleibt, dass in den ungarischen Ausstellungen viel stärker mit Kollektiven und Stereotypen gearbeitet wird.
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    3.2.2. Der Umgang mit Bildern

    Eine Weiterentwicklung beim Umgang mit Bildern stellt aus unserer Sicht die Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg dar, in der die Portraits und Provenienzangabe unserer Meinung nach vorbildlich ausgewiesen werden; bis hin zu einer genau ausgewiesenen Differenzierung zwischen Täter- und Opferbildern.
    Dem genau hinschauenden Besucher wird so ein höchst interessanter Subtext vermittelt. Interessant ist für uns, wie sich der Umgang mit Bildern weiterentwickeln wird; nach unserer Meinung befinden wir uns gerade in einer interessanten Umbruchsphase, durch die immer größere Zeitdistanz zum Geschehen, aber auch durch das „Wegsterben“ der Opfer- und Tätergeneration.
    Die These wurde aufgestellt, dass sich der Umgang mit den Bildern in Deutschland auch deshalb verändern wird. Auch die sich ändernde Bildkultur wurde thematisiert: Das „Abstumpfen“ durch die alltägliche Bilderflut bedingt das Bedürfnis nach immer drastischeren Bilder.
    Neue Denkansätze fanden wir in den folgenden Fragen: Wie viel Grausamkeit muss/darf/soll sein? Weshalb finden die Bilder, die in Budapest gezeigt werden, keine Verwendung in den deutschen Erinnerungsorten? Ist die deutsche Haltung, die Opfer durch das Nicht-Zeigen von „Greuel“-Bildern nicht zu entmenschlich, apologetisch? Wie viel Kompromiss bei der Darstellung ist erträglich? Wann wird es zu indifferent? Könnte diese Brutalität heilsam sein? Könnte das Zeigen einzelner Bilder wichtig sein? Packen die deutschen Erinnerungsorte den Besucher möglicherweise „in Watte“?
    Darüber herrschte seitens der deutschen Gruppe keine Einigkeit. Sicher ist für uns aber, dass die Menge an Schreckens-Bildern in Budapest zu viel und zu ungesteuert ist. Ein Erklärungsmuster ist sicher auch das Bedürfnis nach einer Sich-Vergewisserung des Geschehens über Bilder als "Beweise". Diese Phase ist in Deutschland schon durchlaufen (vgl. Akzeptanz als "Tätervolk").)

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    3.2.3. Die neuen Medien

    Den Einsatz neuer Medien finden wir im richtigen Maße wünschenswert. Hier bedient sich die Budapester Ausstellung zu sehr an allen technischen Möglichkeiten und überwältigt damit den Besucher.
    Die Hörstationen bieten in der Ausstellung Konzentrationslager Flossenbürg 1938-1945 die Möglichkeit sich Interviews auch im Original anzuhören; diese Kontextualisierung empfanden wir als positiv. Audioguides dienen leider oft nur als Einrichtung zum „Sich-Vorlesen-Lassen“; hier würden sich noch eine Menge weiterer Nutzungsmöglichkeiten eröffnen (Tondokumente u.ä.), die für den Besucher reizvoll wären.
    Auch Medieninstallationen, um gegenwärtige und vergangene Situation zu verknüpfen, wie das Modell des Lagergeländes in Flossenbürg, die interaktive Karte im Holocaust Memorial Center in Budapest, helfen dem Besucher bei der Suche nach einem Bezug zu seiner eigenen Lebenswelt. Der Einsatz von Computerstation als Info-Points, als Datenbanken und zur Recherche, werden als positiv empfunden; ebenso die Einrichtung von Gedenkstättenportals zu Vernetzung in fast allen Erinnerungsorten.
    Hier wurde für uns eine deutliche Weiterentwicklung erkennbar: In den deutschen Erinnerungsorten werden Terminals wieder weniger in der eigentlichen Ausstellungen genutzt, eher als vertiefende Informationsmöglichkeit. Anscheinend sind Terminals im Zuge der Verbreitung von PCs nicht mehr so interessant für den Besucher, sie haben ihr spannendes interaktives Moment durch ihre mittlerweile erlangte Alltäglichkeit verloren.

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    3.2.4. Standardthemen - Neue Themen

    Vor allem die deutlich zu Tage tretende Differenz zwischen einem eher kognitiven Zugang in den deutschen Erinnerungsorten und dem weitaus emotionaleren Zugang in den ungarischen Erinnerungsorten beschäftigte die Projekt-Gruppe.
    Unschlüssig waren wir uns in letzter Konsequenz, was hierfür der Grund sein mag, ein Erklärungsmuster wäre die unterschiedliche gesellschaftliche Prägung, die so auch einen unterschiedlichen Zugang zum Thema bieten muss.
    In Deutschland wird deutlich, dass das Thema „Holocaust“ insgesamt präsenter ist und mehr im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert ist; schon die obligatorische Thematisierung im Schulunterricht ist hierfür bezeichnend. Es herrscht eine intensive Auseinandersetzung, damit sind die deutschen Erinnerungsorte stärker besucht. Es ist nicht möglich, dem Thema auszuweichen. In Ungarn liegt das Holocaust Memorial Center abseits der Stadtmitte, Besucher kommen nicht zufällig dorthin, nur gezielt. Interessant war für uns die Frage, ob dies mit einer gesteuerten Öffentlichkeitswirkung („Verstecken“) im Sinne der Pflege eines positiven Länderimages zu tun hat
    Vermisst wurde die Thematisierung der „Weg-Schauer“, der Mitläufer. Wir empfanden es als Mangel, dass das Ausblenden, das Ignorieren des Holocausts durch die breite Bevölkerung nirgendwo als gleichberechtigtes Thema behandelt wird.
    Gerade in der Ausstellung „Faszination und Gewalt“ könnte dies noch stärker herausgearbeitet werden; hier könnte die Individualisierung der Täter, die schon oben diskutiert wurde, noch stärker zum Einsatz gebracht werden.
    Der Mut, weg von der Darstellung der NS-Gesamt-Geschichte, wie es die neue Ausstellung in Flossenbürg macht, wurde von der Gruppe begrüßt. Das KZ oder auch ein anderes Einzelthema als Fokus, dann Hintergründe dazu, kommt den Besuchern eher entgegen. Sie können so den Ausgangspunkt der Ausstellung besser mit ihrer eigenen Lebenswelt verknüpfen.
    Der Umgang mit der Opfergruppen-Repräsentanz ähnelt sich in allen Erinnerungsorten. Das Darstellen aller Opfergruppen ist offensichtlich für die Ausstellungsmacher in allen Erinnerungsorten verpflichtend.

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    3.2.5. Dokumentieren, Informieren, Erinnern

    An allen Orten wird die Möglichkeit des Gedenkens eröffnet; eine Ausnahme bildet hier Ausstellung Faszination und Gewalt im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg, da es sich um einen Täterort handelt.
    Die Umsetzung des Erinnerns und Gedenkens ähnelt sich in allen anderen Erinnerungsorten: das Buch der Namen in Flossenbürg, die Gedenkmauer in Budapest, der Raum der Namen im Ort der Information in Berlin. Hier wurde die Idee und partiell das Motiv aus Yad Vashem adaptiert. Je nach Prägung gewichten die untersuchten Erinnerungsorte die Felder Dokumentieren, Erinnern, Gedenken unterschiedlich: an einem originalen Ort wie dem KZ Flossenbürg als Ort der Opfer muss eine andere Gewichtung vorgenommen werden als an einem Ort der Täter wie das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Das Stelenfeld in Berlin ist nur marginal mit der Bedeutung des ursprünglichen Ortes verknüpft (Gärten der Reichsministerien), dies wird auch nur in den Ausschreibungstexten zum Bau thematisiert.
    Festzuhalten bleibt: An einem Ort der Opfer muss dem Besucher immer auch die Möglichkeit des Erinnerns und Gedenkens eingeräumt werden, in einem parallelen Schritt muss hier auch über den Ort informiert werden. An einem Ort der Täter kann mit einem ganz anderen Fokus an das Thema herangegangen werden, hier bietet sich als Untersuchungsgegenstand die Frage an, die auch in Nürnberg thematisiert wird, an: Propaganda und Faszination. Das Stelenfeld in Berlin bietet durch seine Gestaltung als abstrakte Skulptur einen andersartigen, innovativen Zugang zum Thema, der ganz andere Deutungsmöglichkeiten zulässt. Das Holocaust Memorial Center in Budapest ist durch seine Verknüpfung mit der vorhandenen Synagoge im weitesten Sinn ein Ort der Opfer, könnte aber nach unserer Einschätzung aber auch an irgendeiner anderen Synagoge verortet werden.

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    3.2.6. Umgang mit Aura

    Die Intentionen - Informieren, Dokumentieren, Erinnern und Mahnen – sind in den einzelnen Erinnerungsorten unterschiedlich gewichtet: Emotionen verstärken (Terror Haus), reflektieren (Holocaust-Mahnmal, Dokuzentrum), brechen. So erklärt sich auch der unterschiedliche Umgang mit der Aura des Ortes an den einzelnen Lokalitäten.
    Im Dokuzentrum beispielsweise soll die Ausstellung informieren und der Umgang mit der Authentizität, also die Architektur, Erfahrungen und Emotionen anregen und die Faszination nachvollziehbar machen und brechen.

    Die Unterschiedlichkeiten der Erinnerungsorte bedingen so die Unterschiedlichkeit der Aura des Ortes und den jeweiligen Umgang damit:
    Ort der Opfer (Ausstellung "KZ Flossenbürg 1938-1945" in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg), Ort der Täter (Ausstellung "Faszination und Gewalt" im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg), Symbolischer Ort (Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Jüdisches Museum Berlin), Mischform aus Ort der Opfer und symbolischem Ort (Holocaust Memorial Center in Budapest).
    Ort der Täter (Ausstellung „Faszination und Gewalt“ im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg)

    Der Umgang mit originalen Orten zeigt vor allem den Umgang mit Leere. Es werden in keiner der untersuchten Ausstellungen Rekonstruktionen gezeigt, die Überreste des originalen Ortes werden lediglich freigelegt. Dieses „Nicht-Eingreifen“ hat nach unserer Einschätzung eine noch stärkere Wirkung. Die Freilegung bis auf die Überreste, das Wegnehmen hat eine eigene ästhetische Klarheit, die stark wirkt und dem Besucher Raum für eigenen Gedanken und Empfindungen lässt (vgl. Häftlingsbad in Flossenbürg, rudimentäres Mauerwerk der Kongresshalle in Nürnberg). Dies wurde von allen Gruppenmitgliedern als äußerst positiv wahrgenommen.
    In Ungarn hat der Umgang mit Gebäuden eine stärkere emotionale Gewichtung, in Deutschland hat man einen sensibleren Blick für das Gebäude als Quelle, weniger für die Emotion. Im Holocaust Memorial Center ist anscheinend nur die „Gattung“ Synagoge wichtig, sie könnte auch ganz anders verortet sein; die Möglichkeit durch die Synagoge Emotionen zu erzeugen, wird komplett ausgebeutet. Die Synagoge wird als Sinnbild für das Sakrale, für die Leere genutzt; das Gefühl soll erzeugt werden, dass hier etwas fehlt, aber das Gebäude dient nicht als Quelle.
    Die Gebäude der ungarischen Erinnerungsorte werden als Ganzes behandelt (Holocaust Memorial Center und Terror-Haus), dahingegen wird in Deutschland mit Hilfe des De-Konstruktivismus bzw. der gewollten Abgrenzung vom Original viel stärker gearbeitet (Flossenbürg und Nürnberg). Die Verstärkung der Emotionalität ist der fast ausschließliche Zweck der originalen Gebäude in Ungarn. Der stärkere Einsatz von Emotionen ist nach Einschätzung der ungarischen Gruppe charakteristisch für die ungarischen Erinnerungsorte, teilweise ohne die Fundamentierung auf einer kognitiven Basis.
    Im Holocaust Memorial Center gibt es zu viele dieser Elemente, sie vermitteln das Gefühl, nur dem Zweck zu dienen, eine Emotionalisierung zu erreichen, auch in der Raumgestaltung. Eine Erklärung wäre, dass in Ungarn der Wille, eine pointierte Aussage zu treffen, im Mittelpunkt steht und dahingehend auch viel stringenter und deutlicher umgesetzt wird als in Deutschland.
    In Deutschland sind nach Einschätzung der ungarischen Gruppe viel größere Möglichkeiten für eine eigene Interpretation durch den Besucher gegeben, die Aussage ist differenzierter oder auch „verschleierter“. Damit sind die ungarischen Ausstellungen immer auch aussagekräftiger, eindeutiger, aber auch parteiischer.

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    3.2.7. Kontingenz und Zufälligkeiten

    Bezeichnend sind bei allen Erinnerungsorten die Kontingenzen, die die einzelnen Museen, Ausstellungen und Denkmäler beeinflussen und zwar von der Idee über die Konzeption bis hin zur Manifestation. Hier greifen Zufälligkeiten, die dem Einzelbesucher nicht klar (gemacht) werden. Beispielweise entstand die Ausstellung „Faszination und Gewalt“ im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg unter anderem auch durch Druck von außen, nämlich die Fußball-WM 2007. Dieser Impuls von außen gab u.a. den Anstoß zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe der Stadt.
    Auch das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin zeigt bei seiner Verortung Interessantes auf, stadtplanerische Vorgaben beeinflussten die jetzige Gestalt des Denkmals (es muss ins Stadtbild einfließen, eine Verbindung zum Tiergarten darstellen usw.).
    Hier setzte sich die Gruppe gezielt mit der Rolle der Politik auseinander, aber auch mit dem „Ausstellungsmachen“ als Geschäft. Politische Dimension muss nach unserer Meinung also immer mitbedacht werden: Warum greift die Politik in Ungarn offensichtlicher ein? Ist es in Deutschland subtiler? Aber auch: Wird in Deutschland alles tot geredet? Wird sich dem Edikt der Konsensfindung so stark untergeordnet, dass am Ende ein schaler Kompromiss bleibt, der keinen richtig zufrieden stellt, aber auch keinen richtig stört?
    Die ungarischen Ausstellungen bieten hier, auch nach ihrer Eröffnung, immer noch kontroverse Reibungspunkte. Die politische Kultur ist in Ungarn und Deutschland sehr unterschiedlich; offensichtlich ist das Konsensbedürfnis ist in Deutschland viel stärker ausgeprägt. Unserer Meinung nach erklärt das die Interesselosigkeit der politischen Entscheidungsträger in Deutschland an einem Erinnerungsort nach dessen Eröffnung.
    Die Verknüpfung der in Erinnerungsorten aufgearbeiteten Geschichte mit der Gegenwart ist in Ungarn stärker.

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    3.2.7. Rezipienten und Besucher der Erinnerungsorte

    Das subtile Spiel mit jedem Besucher tritt bei kritischer Betrachtung vor allem in Deutschland hervor, in den ungarischen Museen wird deutlicher und stärker manipuliert und emotionalisiert; hier beispielsweise die Verknüpfung des Bildes von Horty mit der Geräuschkulisse aus Geklapper von Pferdehufen. In Ungarn ist Horty auf seinem Schimmel ein geläufiger Topos.
    Man kann konstatieren, dass die in Deutschland verwendeten Elemente in einem weitaus größeren Ausmaß erst verdeutlicht werden müssen, ausstellungsarchitektonische aber auch andere (Wahl des Ortes u.ä.). Die Deutlichkeit der Darstellung in Holocaust Memorial Center in Budapest war für uns einfacher zu handhaben, weil klarer in seiner Intention, damit vielleicht auch einfacher ablehnbar.
    Als störend in der Ausstellung im Holocaust Memorial Center in Budapest wurde empfunden, dass die Ausstellung auf den ersten Blick zwar objektiv wirkt, aber schon beim zweiten Blick, vor allem von den Ungarn, als stark manipulativ empfunden wurde
    Wichtig ist für den Nutzer des weiteren, auf einer ganz pragmatischen Ebene, die Klarheit der Textebenen und auch die Klarheit der Führungslinie. Je stringenter umgesetzt, desto einfacher „lesbar“ für den Nutzer, desto angenehmer, desto mehr kann sich der Besucher auf den Inhalt konzentrieren. Darüber hinaus wird in allen untersuchten Ausstellungen wird dem Bedarf nach Mehrsprachigkeit Rechnung getragen.
    Festzuhalten bleibt: Sauberes Arbeiten seitens der Macher ist für den Nutzer unabdingbar, da er in der Ausstellung absolut vom dem ihm Präsentierten abhängig ist.
    Interessant war für uns in diesem Kontext auch die Brechung der Symmetrie: Wie wirkt das? Wie viel Spielraum haben die Architekten? Wird das immer raffinierter/subtiler? Wie wirkt das auf den Besucher? In welchem Maß wirken diese Elemente?

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    4. Schlusswort