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Konsequenzen

Von Ágnes Schnitzer und Niké Bitter

"Das ehemalige Reichsparteitagsgelände ist im Gegensatz zu zahlreichen Gedenkstätten, die in früheren Konzentrationslagern oder Gestapogefängnissen an die Opfer des NS-Terrors erinnern, ein historischer Ort der begeisterten Zuschauer, Mitläufer und - im weitesten Sinn - ein Ort der Täter. Mit ihm kann man deshalb nicht nur pragmatisch umgehen. Sie müssen mit einer historischen Bewertung und der eindeutigen Stellungnahme unseres demokratischen Gemeinwesens verbunden werden." Mit diesen Worten hat Dr. Ulrich Maly, der Oberbürgermeister Nürnbergs, die Austellung Faszination und Gewalt kommentiert.

Das ehemalige Reichsparteitagsgelände hat die Konzeption des Dokuzentrums grundlegend geprägt. Das Gebäude selbst bildet die Grundlage der Ausstellung; an einigen Stellen wird es auch als Exponat hergezeigt.

Inhaltlich stehen die Täter und Mitläufer des Nazionalsozialismus beziehungsweise speziell die Nürnberger Reichsparteitage im Mittelpunkt. Das Thema der Dauerausstellung Faszination und Gewalt versucht den Zugriff in Worte zu fassen.

Die Tatsache, dass ein Besucher im Allgemeinen maximal 1,5 Stunden lang konzentrationsfähig ist, haben die Nürnberger Ausstellungsmacher sich bei der Gestaltung vor Auge gehalten — was wir auf jeden Fall als etwas Positives bewerten. Zu diesem Thema hat sich Herr Täubrich, der Leiter des Doku-Zentrum folgenderweisse geäußert:

Um die optimale inhaltliche Rezeption einer Ausstellung zu ermöglichen, sollten unser Meinung nach das Auswählen und Strukturieren wichtige Gestaltungsprinzipien sein. Das ist uns beim Besuch der neu eröffneten Ausstellung der Gedenkstätte im ehemaligen KZ-Lager Flossenbürg noch einmal klar geworden. Das Gespräch mit dem dortigen Gestalter und Ausstellungsarchitekten hat die Aufmerksamkeit auf neuere Aspekte gelenkt, besonders die Inszenierung der dargestellten Inhalten betreffend:


Wie operiert man mit Licht-, Toneffekten, welche Wirkungen kann man mit diesen Effekten erreichen? - Zu diesem Thema haben wir in Flossenbürg vieles gehört. Die Ausstellungsräume dort sind zum Beispiel ganz hell. Das ist im Dokumentationszentrum in Nürnberg (wie auch in Berlin, aber vor allem in Budapest) nicht der Fall. ­ Natürliches Licht bleibt auch in Nürnberg fast völlig ausgeblendet. Warum sollte aber das Thema "Holocaust" oder "NS - Diktatur" ausschließlich in (halb)dunklen Räumen, mit dunklen Farben adäquat ausgestellt werden können? Unserer Ansicht ist es richtig, dass eine dem Thema entsprechende Atmosphäre durch die Dunkelheit eher zustande kommt - das ist nicht zu vergessen, wenn wir die Lichtregie einer Ausstellung unter die Lupe nehmen.

Ein weiterer Aspekt, von dem beim Besuch in Flossenbürg die Rede war, ist die Funktion der musealen Inszenierung. Was soll man und was darf man in einer Ausstellung inszenieren: den Schrecken, die Häftlinge, ihre Leiden und ihren Tod oder das Leben vor der Inhaftierung? Im Fall von Nürnberg könnte diese Frage lauten: Kann und soll das Mitläufer - Sein, die Verantwortung der Täter in Form von Inszenierungen ausgestellt werden oder sollte man eher die Mechanismen, die zur Führerkult, Fanatismus und Gewalt geführt hatten inszenieren? Dass es keinen Sinn hat, Betroffenheitsgefühl durch Licht-, Farbe-, und Toneffekte zu wecken, nicht aber den Verständnisprozess bei den Besuchern zu fördern - wie Herr Täubrich das Grundprinzip der Nürnberger Ausstellungsgestaltung zusammengefasst hat - mit diesem Gedanken stimmen wir völlig über ein.

Die Konzeption der Ausstellungsmacher bestimmt die Einteilung und innere Gestaltung der Räume. Wir teilen die Ansicht, dass die Lichtverhältnisse innerhalb der Räume und die Raumgestaltung möglichst den Inhalt der Ausstellung begleiten sollen. Keinesfalls darf eine Ausstellung bloß die Wiedergabe der Thesen der Ausstellungsgestalter sein. Was uns im Dokumentationszentrum Nürnberg am besten gefallen hat, ist, dass es den Ausstellungsmacher gelungen ist, sich in den Hintergrund zurückzuziehen und den Mittelweg zwischen Manipulation und Wirken - Wollen zu finden.

Auf welche Probleme das Nürnberger Team bei der Gestaltung gestoßen ist, darüber berichtet Herr Täubrich im folgenden Tonauschnitt: