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Einzelne Räume

Von Ágnes Schnitzer und Niké Bitter









Der 1. Raum thematisiert den Aufstieg der NSDAP. In diesem Raum werden ausgewählte Gründe dargestellt, welche zur NS-Zeit geführt hatten. Diese Subsumierung besteht aus drei Grundelementen, die im Raum raumgestalterisch zum Vorschein kommen. Im Boden sieht man drei Bodenvitrinen, in denen der verlorene Krieg, die Inflation und die Rüstung installiert werden. Was die innere Raumgestaltung betrifft, bestehen die Wände aus roten Ziegeln.

Die Seitenwand des nächsten Raumes Die Machtergreifung bildet ein schwarzer Bandvorhang. Dieses Motiv dient dazu, das Interesse der Besucher, die noch außen sind, zu erwecken. Unser Meinung nach, passt diese Lösung ausgezeichnet zum Thema des Raumes, weil das Gitter ein Symbol für die Machtergreifung sein kann. Die assymetrische Dreieckform herrscht in diesem sonst kleinen Raum.

Im Raum der Anfänge der Diktatur hat das ins Zentrum gelegte Großbild eines Polizisten und eines SS-Mannes mit Schäferhund eine doppelte Funktion: einerseits müssen ihm die Besucher ausweichen, andererseits versucht das Bild das durch das Fenster einströmende natürliche Licht ausblenden. Die schon erwähnte Dreieckform kommt auch in diesem Raum vor. Der Boden vor dem Fenster bestehet aus einer dreieckigen Glascheibe. Dadurch, dass diese Scheibe durchsichtig ist, fühlten wir an dieser Stelle Unsicherheit. Es ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass hier der Inhalt und die Raumgestaltung im Zusammenhang stehen.

Der nächste Teil besteht aus einer Brücke und einem dreieckförmigen Bild, das die Faszination deutscher Männer zeigt. Das schon erwähnte Unsicherheitsgefühl der Besucher wird hier verstärkt, weil die zwei Seiten der Brücke aus Glas gebaut wurden. Das meiste natürliches Licht in der ganzen Ausstellung umfängt die Besucher, während sie über die Brücke gehen.

In diesem Teil erzielen das Bild wie die Brücke eine starke emotionale Wirkung, denn am Ende der Brücke erblickt der Besucher die Gestalt des „Führers”. Diese Art der Raumgestaltung spiegelt den historischen Prozess wider, der von der Faszination und Führerkult in Gewalt mündete.

Der 7. und 8. Raum (Baugeschichte des Reichsparteitagsgeländes und Zwangsarbeit für Nürnberg) drücken aus, dass zwischen NS-Bauten, den Plänen und den KZ-Lagern ein direkter Zusammenhang besteht. Ohne die Zwangsarbeiter der Lager hätten die NS-Bauten nicht zustande kommen können.

Der 9. Raum (Die Reichsparteitage - Ablauf eines Rituals) liegt neben dem Raum 10 (Die Organisation der Reichsparteitage), dem Raum 11 (Reichsparteitage als Erlebnis) und dem Raum 12 (Das Urteil des Auslandes). Diese Räume zeigen einerseits die Begeisterung der NSDAP-Anhänger, die Faszination ganz vieler Deutscher, andererseits den Tod und den Mord. Hoffnung auf glänzende Zukunftsperspektiven, fanatischer Glaube, feste Überzeugungen, schöne Versprechungen und Parolen auf der einen, Entrechtung, Enteignung, Hetze und Vernichtung auf der anderen Seite. – Diese Art der Raumeinteilung hat uns sehr gefallen, weil sie die Ambivalenz der ganzen NS-Periode zeigt: die sprunghafte Entwicklung einerseits und ihre Schatten- und Schreckenseiten andererseits. Die deutschen „Erfolge” und was der Preis dafür war, wird hier mit der Raumgestaltung perfekt dargestellt.

Der größte Raum der Ausstellung ist in mehreren Teilen eingeteilt: „Triump des Willens”, Rassismus und Antisemitismus, Der Weg in den Krieg, Vernichtungskrieg in der Sowjetunion und Der deutsche Widerstand sind die hier ausgestellten Themen. Die Unterthemen der Räume sind dadurch zu verbinden, dass alle die Wirkungsgeschichte der Nürnberger Vorgänge darstellen. Die Größe des Raumes ermöglicht eine thematische Unterteilung ohne dass das Raumerlebnis gestört wird. Die Höhe des Raumes ist sehr niedrig, was die Wirkung unterstreicht. Die Decke wurde aber nicht bewusst so eingezogen.

Um ein Unfallgefahr für die Besucher zu beheben, mussten die Ausstellungsmacher, drei Monate nach der Eröffnung der Ausstellung, hinter den Dreiecken, die die Abteilungen trennen, zusätzliche Stangen einfügen. Nach unserem Empfinden stören sie den Gesamteindruck nicht, sie verstärken die Wirkung in diesen kalten Raum sogar noch.

Am Ende des Raumes strömt wieder natürliches Licht durch ein Gitter ein. Der ganze Raum ist sehr dunkel und die rechte Seitenwand, die neben der Abteilung Widerstand liegt, ist schwarz und leer. Das soll die fehlenden Breite des Widerstands der Deutschen symbolisieren. Im Hinblick auf das Untersuchungsgebiet unseres Projekts gibt es eine Frage, worauf wir an dieser Stelle auf jeden Fall noch eingehen müssen. Es ist nämlich die Frage, wie der Holocaust dargestellt wird. Einen eigenen Raum zum Thema finden wir in der Austellung nicht, die Shoa kommt in mehreren Räumen vor.

Weil das Dokumentationszentrum in einen Täterort eingebaut wurde, hatten die Austellungsmacher nicht die Absicht, die Leiden der Opfer darzustellen; die Kongresshalle dient nicht als Gedenkstätte. Das bloße Ausstellen menschlichen Leidens wollten sie auch vermeiden. In der Ausstellung Faszination und Gewalt wird eher die Täterseite und die Seite der Mit-Macher betont.

Damit lässt sich unser Meinung nach erklären, warum der Holocaust meist nur durch ikonenhaften Bildern dargestellt ist. Im Raum 3, im größten Ausstellungsraum, kurz vor der Brücke zwischen Raum 17 und 18, wird der Holocaust in einer Unterabteilung aufgegriffen. Gezeigt wird die Bildikone der Rampe von Auschwitz–Birkenau, dazu kommt das bekannte und oft missinterpretierte Bild der Partisanen-Erschießung. Man könnte sagen, das Thema Holocaust kommt in der Austellung immer wieder vor. Es wurde an verschiedenen Stellen immer wieder ins Gedächtnis der Besucher zurückgerufen.

Ein Musterbeispiel zur Emotionalisierung mit raumgestalterischen Mitteln ist die schon erwähnte Verbindung zwischen Raum 17 und 18, wo man über eine Rampe laufen muss. Dadurch, dass die Opferbilder seitens der Rampe in die Tiefe angelegt worden sind, erreichten die Ausstellungsmacher eine besondere visuelle Wirkung. Man fühlt sich von diesen Bildern mehr betroffen, weil man sich fast vorkommt, als würde man über Leichen gehen. Sie machen durch diese Gestaltung eine größere emotionale Wirkung auf die Besucher.

Die Auswahl der Bilder erfolgt hier aber nur aufgrund ihrer Wirkung. Warum gerade diese Bilder zu sehen sind, ist nicht ersichtlich.