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Nürnberg - Zwischen Geschichte und Erinnerung

Von Doris Katheder

Stationen der Geschichte
Nürnberg, die ehemalige "Stadt der Reichsparteitage" und Musterstadt der Nationalsozialisten, ist wie wohl keine zweite Stadt in Deutschland mit der Geschichte des "Dritten Reiches" verknüpft. Die baulichen Reste des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes zeugen in ihrer Monumentalität von der einstigen Funktion der Stadt als Kulisse für die Selbstdarstellung der NSDAP. Während andere Ort unmittelbar an die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands erinnern, dokumentiert das Reichsparteitagsgelände, was diese Verbrechen möglich machte: die propagandistische Emphase des Regimes und die Ekstase der deutschen Bevölkerung. Nürnberg steht aber auch für die Verbindungslinien zwischen dem Konstrukt der "Volksgemeinschaft" und korrespondierenden Mechanismen der Ausgrenzung und Vernichtung: Hier gab Julius Streicher sein antisemitischen Hetzorgan "Der Stürmer" heraus und hier, auf dem "Reichsparteitag der Freiheit" 1935, verkündeten die Nationalsozialisten ihre Rassegesetze, die seitdem weltweit als "Nürnberger Gesetze" bekannt sind und als das vermutlich kriminellste Gesetzeswerk gelten, das je von Menschenhand geschaffen wurde. Sie markieren die mithin untrennbare Konnotation der Stadt mit nationalsozialistischer Verbrechenspolitik.

Immerhin acht der insgesamt zehn nationalsozialistischen Reichsparteitage fanden in Nürnberg statt, mit ihnen die wohl größten Propaganda- und Jubelveranstaltungen dieser Zeit. "Nürnberg" – das war die massenhafte und von oben organisierte Darstellung nationalsozialistischer "Volksgemeinschaft", die Inszenierung des "Führers" als gottähnlich überhöhten Mittelpunkt. Auf ihn waren die Architektur des insgesamt 11 Quadratkilometer großen, von Albert Speer konzipierten Aufmarschgeländes mit seinen in aller Eiligkeit errichteten Monumentalbauten ausgerichtet, er nahm die Paraden ab, ihn zu sehen und ihm zuzujubeln, Teil der sich in Nürnberg selbst feiernden "Volksgemeinschaft" zu sein, war das wichtigste Nürnberg-Erlebnis.

Nürnberg, die fast tausendjährige Kaiserstadt, war im Mittelalter eine der wichtigsten Städte des Heiligen Römischen Reiches und entwickelte sich rasch zu einer der größten Städte Europas. An der Wende zur Neuzeit war Nürnberg zweitgrößte Stadt im Reich und eine der bedeutendsten Handelsstädte Europas. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Nürnberg von den Romantikern entdeckt und mit Nürnberg auch deren prominentester Künstler, Albrecht Dürer. Als "Schatzkästlein des deutschen Reiches" galt die Stadt als Inbegriff eines Kleinods mittelalterlicher Kunst und Kultur.

Mit Hans von Aufsess, einem im Fränkischen ansässigen ebenso visionären wie hartnäckigen Sammler deutscher Kunst und Kultur der Vergangenheit, gelang in Nürnberg, was Sulpiz Boissereé, dem patriotischen Kölner Kunstsammler mit seiner Idee des Ausbaus des Kölner Domes zu einem deutschen "Nationaldom" aus vielen Gründen misslang: Die Gründung eines deutschen Nationalmuseums. Fasziniert von der Vorstellung, in den sichtbaren, fassbaren Überbleibseln der deutschen Vergangenheit die mit dem Auseinanderbrechen des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" verloren gegangene deutsche Einheit festhalten zu können, glaubte von Aufsess, aus den vielfältigen Zeugnissen der deutschen Kunst- und Kulturgeschichte Maßstäbe für eine Ordnung und Zielsetzung seiner eigenen Gegenwart gewinnen zu können und betrachtete die Frage nach der Ergründung und Erforschung der deutschen Vergangenheit als eine eminent politische Aufgabe seiner Generation und als eine der deutschen Nation innewohnende Verpflichtung. Obwohl von Aufsess Jahrzehnte für die Umsetzung seiner Idee der Errichtung eines "großen historisch-antiquarischen National-Museums" brauchte, "gründete" die Versammlung deutscher Geschichts- und Altertumsforscher 1852 das Museum in Nürnberg. Das mittlerweile als "größtes kulturhistorisches Museum Deutschlands" geltende Germanische Nationalmuseum gilt seitdem als Besuchermagnet und Aushängeschild der Stadt.
Geschichte wird aber auch in einem weiteren Museum der Stadt thematisiert und präsentiert: in den Räumen des Stadtmuseums Fembohaus, gelegen zwischen Kaiserburg und "Bratwursthäusl". In der dort eingerichteten Multimedia-Show "Noricama" werden berühmte Nürnberger wie Albrecht Dürer oder Hans Sachs ebenso vorgeführt wie die Entwicklung Nürnbergs im ausgehenden 19. Jahrhundert zur größten Industriestadt Süddeutschlands und zur einstigen Hochburg der Sozialdemokratie. Dass auch hier das "Dritte Reich" nicht ausgespart wird, zeugt von neuem Geschichtsbewusstsein und einem neu gewonnenen offensiven Umgang der Stadt mit ihrer Rolle in dieser Zeit.

Die lange Genese der Erinnerung
Nürnberg hat lange dafür gebraucht, sich seiner Beteiligung an der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu stellen. Aus der nationalsozialistischen Vorzeigestadt war mit dem Kriegsende weltweit "Nazi-Town" geworden, die monumentalen Baurelikte auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände hinderten die Stadt um so mehr, Spuren der Partizipation zu verwischen. Und so erwies sich der Umgang mit diesen Hinterlassenschaften jahrzehntelang mehr als problematisch: Phasen der pragmatischen Nutzung des Geländes wichen Phasen der Verdrängungen, verschiedenartigster Bewältigungsphantasien, gar Dekonstruktivismen.
Spät, erst 1983, initiierte der damalige Kulturreferent der Stadt, Hermann Glaser, mit Blick auf die 50. Wiederkehr der "Machtübernahme" der Nationalsozialisten eine kleine Ausstellung im Pellerhaus zur Beteiligung Nürnbergs und machte damit den Weg frei für darauf folgende Konzepte der kritischen und aufklärerischen Auseinandersetzung der eigenen Rolle Nürnbergs im "Dritten Reich". Mit der Eröffnung der Ausstellung "Faszination und Gewalt – Nürnberg und der Nationalsozialismus" 1984 im Inneren der Zeppelintribüne setzte auch die Stadt zumindest ein kleines Zeichen für einen offensiveren Diskurs als die Jahrzehnte davor. Die nur in den Sommermonaten geöffnete Ausstellung (für eine Beheizung der Ausstellungsräume in den Wintermonaten wurde kein Geld zur Verfügung gestellt) mit einer aus medientechnischer Sicht mehr als spartanischen Ausstattung (wiederum aus Geldmangel mussten sich die Ausstellungsmacher mit schlichten, selbst gemachten Holzinformationstafeln behelfen) evozierte trotz ihres provisorischen Charakters ein überwältigendes Besucherinteresse. Dennoch sollte es bis in das neue Jahrtausend dauern, bis mit dem "Dokumentationszentrum ehemaliges Reichsparteitagsgelände" 2001 unter Beteiligung von Bund und Land endlich eine dauerhaft Ausstellung installiert werden konnte, die unlängst gar ihren 1 Millionsten Besucher begrüßen konnte.
Mit einem rund um die Dauerausstellung und den mehrmals im Jahr wechselnden Sonderausstellungen in der Kongresshalle sowie dem Gesamtgelände konzipierten vielfältigen pädagogisch-didaktischen Angebot versucht man in Nürnberg in konstruktiver Zusammenarbeit mit in der Jugend- und Erwachsenenbildung, der Menschenrechts- und Friedenspädagogik erfahrenen Nürnberger Kooperationspartnern, möglichst keine Besucherin und keinen Besucher in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unbetreut zu lassen. Dies Desiderat gilt umso mehr der Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen und der damit verbundenen Maxime, mit den angebotenen Ausstellungen die vermittelnde pädagogische Arbeit weiterhin zu etablieren und zu stärken.

Lernprozesse und Perspektiven
Die Eröffnung des Dokumentationszentrums ehemaliges Reichsparteitagsgelände ist ein wesentlicher Schritt hin zu einer bewussten und angemessenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Hier soll Aufklärungsarbeit geleistet werden, deren Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinausgeht und auf Bundesebene durchaus zu einem Vorzeigeobjekt geworden ist. Heute versteht sich Nürnberg als "Stadt des Friedens und der Menschenrechte", und in der Tat steht es ja nicht nur für die Partizipation und Verstrickung der deutschen Bevölkerung in den Nationalsozialismus, sondern – als Ort der "Nürnberger Prozesse" – auch für die "Rückkehr des Rechts" und den Beginn der schwierigen Auseinandersetzung mit den Verbrechen des "Dritten Reichs".
Unmittelbar angelehnt an das Germanische Nationalmuseum wurde im Herzen der Stadt 1993 die von dem preisgekrönten israelischen Künstler Dani Karavan entworfene "Straße der Menschenrechte" eingeweiht, als sichtbares Zeichen dafür, dass sich die Stadt Nürnberg seiner Vergangenheit nun endlich stellt. Auch mit der 1995 installierten und seitdem alle zwei Jahre durchgeführten Verleihung des Internationalen Menschenrechtspreises beweist Nürnberg Engagement: Er soll zur Anerkennung der Menschenrechte als eines universalen und unteilbaren Prinzips beitragen und gefährdete Verteidiger dieser Rechte schützen.
Besonders erfreulich ist die allerjüngste Entwicklung: in Kofinanzierung mit dem Bund und dem Land ist für das Jahr 2008 die Eröffnung des "Memoriums Nürnberg Prozesse" geplant: der Ausbau des "Schwurgerichtssaales 600" im Nürnberger Justizgebäude, in dem vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 das Internationale Militärtribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher des "Dritten Reiches" stattfand. Das Verfahren hatte und hat für die Entwicklung des Völkerstrafrechts fundamentale Bedeutung und ist nicht zuletzt Vorbild für die Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.
Hauptziel eines Ausbaus soll hier bei sein, die Besichtigung des Schwurgerichtssaales 600 als authentischem Ort in eine überzeugende didaktische Gesamtkonzeption zu integrieren und in einer an den Saal angegliederten neuen Dauerausstellung im Dachgeschoss des Gebäudes für in- und ausländische Besucher – pädagogisch-didaktisch betreut – vermittelnde Erinnerungsarbeit zu leisten.

Nürnberg hat sich aufgemacht! Die ehemalige "Stadt der Reichsparteitage" und Vorzeigestadt der Nationalsozialisten hat die Gelegenheit genutzt und aus der Not mehr und mehr eine Tugend werden lassen…

September 2007