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Formale Struktur

Von Jakob Ackermann und Sarolt Kabay

Wie ist das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände formal aufgebaut? Informationen zu den architektonischen Grunddaten: Grundriss, Symmetrie, Dimension, Baumaterial u. ä.











Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände befindet sich im Nordflügel (in einem der „Kopfbauten“) der ehemaligen, aber unvollendet gebliebenen Kongresshalle, quer durch dessen rechteckigen Innenhof.

Der Grundriss des ganzen NS-Bau besteht aus einem U-/halbkreisförmigen Hauptbau, an dessen beiden Endpunkten zum Duzendteich hin je ein rechteckiger Kopfbau angelegt ist, nach Norden bzw. Süden ausgerichtet und mit je eigenem Hof. Die Grundfläche beträgt 72875 m2, und allein der von dem Halbkreis umschlossene Innenhof ist 180 x160 m groß. Während der Bauarbeiten ab dem 11. September 1935 bis zum Baustopp im Jahre 1939 wurde die gigantische Halle in der Höhe bis zur 60 % fertig gestellt. Zu einige Teilen wurde schon damals die schlichte Granitverkleidung angelegt. Aber wenn man das Gebäude heute betritt, muss man feststellen, dass mit Ausnahme der Fassade alles noch im baulichen Rohzustand steckt. Die Planungen – unter der Leitung Franz Ruff und dessen Vater (bis zu seinem Tod) , im Einklang mit dem Vorhaben von dem mit der Planung des ganzen Reichsparteigeländes beauftragten Architekten, Albert Speer – liefen aber bis Ende 1944 weiter.

In diesem historisch belasteten Monumentalbau, im größten erhalten gebliebenen architektonischen Relikt des Dritten Reichs, konnte der Grazer Architekt Günther Domenig 2001 seinen Neubau „hineinzeichnen“. In dessen Räume integrierte man nach langjähriger Diskussion über die triviale Nutzung des Gebäudes das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Trotz des nur kleinen mit dem Museum durchbauten Teil der Kongresshalle, wird das höchst konkrete architektonische Zeichen von Domenig und auch durch die Verwirklichung an der verkehrszugewandten Seite besonders hervorgehoben. Sowohl von Innen als auch von Außen verdeutlicht sich der Bruch mit der im Rohzustand gebliebenen NS-Architektur, welche Stein und Ziegel und mit Vorliebe rechte Winkel verwendete. Domenig zerstört diese steinerne Machtdemonstration mittels Glas und Stahl, durch in alle Dimensionen schräg verlaufende Linien und einer asymmetrischen Formensprache. Dieser moderne Bau bohrt sich wie ein Pfahl oder ein Messer in und durch das Gebäude. Von Außen gesehen setzen sich besonders die Seminarräume auf dem Dach und die Treppe beim Eingang vom Altbau ab, wobei Domenig trotz dieses architektonischen Zeichens kaum Veränderungen/Umbauten am historischen NS-Gebäude vornahm Er selbst kommentierte dies wie folgt: „Ein konsequent durchgezogenes und wesentliches Element ist die Axialität (der Kongresshalle). (...) Deshalb drängte sich das Zerbrechen der historischen Axialität als Aufarbeitung der Geschichte auf. Ich habe schräge Linien gegen die existierende Symmetrie und ihre ideologische Bedeutung gesetzt. Um derSchwere des Betons, der Ziegel und des Granits entgegenzuwirken, wandte ich mich leichteren Materialien zu: Glas, Stahl und Aluminium. Die historischen Wände bleiben im Originalzustand und wurden von der neuen Arbeit nie berührt.“1

1 -- So Günther Domenig, der Architekt des Dokumentationszentrum, nach: Faszination und Gewalt. Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg; Nürnberg 2006, S. 17.