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Aussage und Wirkung

Von Jakob Ackermann und Sarolt Kabay

Welche Aussage und Wirkung haben die architektonischen Merkmale?

Sowohl die alten als auch die hinzugefügten architektonischen Bestandteile der Kongresshalle und des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände erzielen Wirkung, wenn auch in unterschiedlichem Maße und in konträrer Weise,­ sie stehen sogar obwohl konträr ausgerichtet, in einer Symbiose zueinander. Die Kongresshalle beeindruckt mit ihrer Größe und sie schüchtert zugleich auch ein (Emotionen) und der Pfahl von Domenig regt mithilfe seiner Symbolik zur Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart und zur Bewältigung der so entstandenen Spannung an.

Bei der Aussage und Wirkung der architektonischen Eigenheiten muss man bedenken, dass es sich immer um ein Zusammenspiel von alten und neuen Bestandteilen handelt. Die Wirkungsmechanismen und Aussagen der NS-Architektur sind auch präsent, zwar nicht mehr im Originalzustand, sondern mit der Deutungsumfeld der nachfolgenden Generation(en).













Das Gelände und auch die einzelne Bauten dienten ursprünglich der Machtdemonstration und wurden mit der Absicht errichtet, die größten, dauerhaftesten und edelste Bauten aller Zeit zu werden. Monumentalität und riesige Dimensionen sollten faszinierend und einschüchternd wirken, und obwohl in dem heutigen Zustand vieles gegen diese Wirkung getan wurde, (bspw. durch die Behinderung der Aussicht durch Bäume und Hügel und die Belassung der Kongresshalle im Torsozustand) beeindruckt die Kongresshalle auch heute noch.

Doch es wird schon nicht mehr suggeriert, dass man an etwas Großem und Bedeutendem teilhabe; vielmehr wird man zum Nachdenken über Funktion und Aussagekraft der Architektur angeregt. Dass die Innenwände nicht verputzt wurden deutet darauf hin, dass die NS-Herrschaft was in ihrer Selbstinszenierung und Machtdemonstration vieles vertuscht hat.

Dass bei der Gestaltung von Domenig an der ursprünglichen Bausubstanz nichts substantiell umgebaut wurde, kann den Einzelnen zur Erkenntnis führen, dass das Thema Massenbewegung und –gewalt bis in die Gegenwart reicht und auch weiterhin aufgearbeitet werden muss. Dass bewusst keine Fertigstellung der Bauten erfolgte, hängt auch damit zusammen, dass die Gegenwart weder das Erbe der Vergangenheit vervollständigen noch einen Anteil an deren Zeugnisse haben will.

Neben dieser Unvollendetheit ist das konsequente Abstandhalten des Neubaus von dem alten Bau die nächstwichtigste architektonische Eigenheit des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg. Durch den Abstand und Kontrast wird das alte Gebäude in den Mittelpunkt gestellt, die Bodenrillen im Innenraum, Sprünge in den Wänden zwischen altem und neuem Mauerwerk und die Dichotomie von Transparenz (Glas mit Stahl) im Kontrast zur Wuchtigkeit und Masse. Die Distanz zwischen alter Bausubstanz und neuen Zubauten funktioniert wie das Glas in einer Vitrine. Das Gebäude fungiert somit als Ausstellungsexponat an sich. Wenn man aber diese Absetzung vom ursprünglichen Gebäude beiseite schiebt, empfindet man - gerade im Zusammenhang mit der Absicht, dem Ort einen betonten Exponatcharakter zu verleihen - einen Verlust, was die Original-Dimensionen der Innenräumen anbelangt. Besonders in der bis heute rätselhaften Säulenhalle (die geplante Funktion des Raumes ist bis heuteumstritten) wird dem Besucher ihre Wirkung auf Grund der Einbauten vorenthalten. Die gigantische Dimension und ihr Erleben konzentrieren sich ausschließlich auf die Außensicht.