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Zeitdimensionen: Vergangenheit – Gegenwart - Zukunft

Von Simone Kleemann, Monika Schierl und Viktória Nagy

Wie versucht der Erinnerungsort den Besucher von der Gegenwart mit hinein in die Geschichte zu nehmen, die über die Vergangenheit erzählt wird?
Wie wirkt der Erinnerungsort auf die Gegenwart des Besuchers und welche Botschaften will er für die Zukunft vermitteln?


Durchgang mit Lebenslinien

Raum 7 - Responses

Blick in die Synagoge
Auch die Holocaust-Austellung im Budapester Holocaust Memorial Center liegt unterirdisch und wurde als Einheit mit den über der Erde gelegenen Gedenkstätten auf dem Museumsgelände, wie der Synagoge und der Marmorwand, konzipiert.
Eine derartige räumliche Teilung ermöglicht einen zweifachen Zugang zu den historischen Geschehnissen der Ausstellung. Indem der Besucher die Treppen hinuntersteigt, begibt er sich zunächst sinnbildlich auf eine andere Zeitstufe: er verlässt die Gegenwart, taucht in die Geschichte ein und findet sich in den dunklen Ausstellungsräumen wieder.

Zusätzlich ermöglicht die Konzeption einen weiteren Einstieg in die geschichtlichen Ereignisse. So wird der Besucher im Einführungsraum (Introduction) auf die Inhalte der Ausstellung mit Hilfe visueller und akustischer Medien vorbereitet. Der Raum empfängt ihn mit fröhlicher Musik und ansprechendem Bild- und Filmmaterial. Ein Übergang zu den historischen Begebenheiten und Hintergründen der Judenverfolgung in Ungarn erfolgt nun über einen langen Gang (siehe Bild 1), der den ersten Raum mit dem zweiten verbindet: so gelangt der Besucher schrittweise in die folgenden Themenräume. Auf dem Weg dorthin hat er die nötige Zeit sich auf die Ausstellung und deren Inhalte vorzubereiten. Der Übergang von der Be­sucher­gegenwart in die dargestellte Vergangenheit wurde somit auch in der Ausstellungsarchitektur durch die Konzeption des langen Ganges, der als Brücke zwischen zwei Räumen fungiert, vollzogen. Zusätzlich begleitet eine Geräuschkulisse (Schritte, Marschieren von Soldaten) die Besucher auf ihrem Rundgang in die weiteren Ausstellungsräume.

Auch der Weg zurück in die Gegenwart wird in der Konzeption deutlich. Während die anderen Räume der Ausstellung schwarz und ohne Lichteinwirkung gestaltet wurden, steht der siebte Raum (siehe Bild 2) Suche nach Antworten (Responses) in deutlichem Gegensatz dazu: mit seiner weißen Farbe stellt er den inhaltlichen Bruch und den Ausblick auf die Gegenwart dar. Der endgültige Übergang zur Wirklichkeit vollzieht sich, wenn der Besucherbei seinem Rundgang abschließend die Treppen wieder hinaufsteigt und in die neu renovierte Synagoge (siehe Bild 3) gelangt.

Über die Ausstellung wurde folgendes Zitat von Jámos Pilinszky gesetzt:
„Something extremely important was happening to us. Suddenly we felt, we had a chance to feel that we had left an irredeemable scandal behind us. And if we had the most beautiful future before us, the most beautiful future would become but a moral wilderness if we did not feel responsible for what happened. For the shame, the horrible shame”.
Es rückt die Verantwortung des Gedenkens und die Scham über die vorgefallenen Ereignisse in den Mittelpunkt. Diese Aussage zeigt die Botschaft der Ausstellung, die auch über die Gegenwart hinaus auf ihre Besucher orientierend und informierend einwirken möchte. Da die Ausstellung damit bewusst die ungarischen Täter der nationalsozialistischen Organisation Pfeilkreuzer in den Blick rückt, soll auch ein Bruch mit der ungarischen Opferidentität vollzogen werden. Stattdessen ruft die Ausstellung zur Aufarbeitung der Täterrolle im eigenen Land auf.