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Individuum-Masse

Von Simone Kleemann, Monika Schierl und Viktória Nagy

In welchem Verhältnis stehen die Darstellungen von Individuum und Kollektiv bzw. Masse zueinander?
Werden einzelne Familien, individuelle Schicksale oder ausgewählte Biographien betroffener Juden dargestellt oder verschwinden die Opfer in der Unpersönlichkeit?


Informationen zur Geschichte
der ungarischen Juden

Informationen zur Geschichte
der ungarischen Sinti und Roma

Beispielhafte Biographien

Biographien ungarischer Widerständler

Glasstuhl mit Gedenktafel
Die Darstellung von Individuen im Gegensatz zur Masse der Opfer erfolgt in der gesamten Ausstellung From Deprivation of Rights to Genocide parallel nebeneinander.

Mit Hilfe einer Informationstafel (siehe Bilder 1 und 2) stellt die Ausstellung im ersten Raum Einführung (Introduction) die zwei Bevölkerungs­gruppen vor, mit denen sich das Museum in den folgenden Themenräumen befassen wird. Der Besucher erhält somit eine kurze Einführung in die Geschichte und das Leben der Juden und Roma in Ungarn vor dem zweiten Weltkrieg. Zusätzlich hat der Interessierte bereits an dieser Stelle die Möglichkeit die Schicksale von fünf exemplarischen Familien (vier jüdische und eine Roma-Familie) kennen zu lernen, die Opfer des Holocaust wurden. Sie werden mit Hilfe interaktiver Medien im Einführungsraum vorgestellt und begleiten den Besucher auf seinem Rundgang durch die Ausstellung, da er sich in jedem weiteren Themenraum mit Hilfe des Computerbildschirms über das individuelle Schicksal der Familien in den spezifischen historischen Situationen informieren kann.

Zusätzlich verstärkt wird die individuelle Ebene der Ausstellung durch weitere Informationstafeln, die in jedem Raum beispielhafte Biographien (siehe Bild 3) verschiedener Personen darstellen. Dabei wird neben ungarischen Einzelschicksalen mit Anne Frank auch der Blick aus Ungarn heraus vollzogen. Damit weist die Struktur der Räume eine kontinuierliche Dualität bei der Darstellung von Individuum und Masse auf: die historischen Geschehnisse werden zunächst im Überblick verdeutlicht und anschließend stets anhand individueller Schicksale erneut ausdifferenziert.

Während zahlreiche Opfer(bilder) anonym bleiben und damit das Individuum in der Masse verschwindet, werden einzelne Personen auf Informationstafeln beim Namen genannt und vorgestellt. Dies wäre zum Beispiel die Darstellung der Lebensgeschichte der beiden Zwillinge Éva und Mirjam Mózes, die Opfer der Zwillingsforschungen von Josef Mengele wurden.

Auch die Darstellung der Widerstandsbewegung im siebten Raum (siehe Bild 4) Suche nach Antworten (Responses) setzt die beschriebene Parallelität fort: Einzelpersonen und Gruppen werden nebeneinander mit gleicher Gewichtung thematisiert. Demgegenüber richtet sich der Blickwinkel in der Synagoge (siehe Bild 5) bewusst auf die individuelle Ebene, in dem die Opfer ein weiteres Mal aus der Masse herausgehoben und mit ihren Lebensdaten und Porträtfotos auf den ausgestellten Glasstühlen Platz finden. Die Ausstellung versucht somit in jedem ihrer Räume das Individuum der Masse gegenüberzustellen. Dementsprechend weist jeder Themenraum ein Nebeneinander von Anonymität und Individualität auf, wobei der Besucher selbst entscheiden kann, welcher Ebene er folgen möchte und wo er seine Schwerpunkte legt.