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Anonymisieren und Individualisieren

Von Katalin Riez und Simone Ming

Zeigt das Bild einzelne Individuen? Werden diese durch die Angaben persönlicher Daten kenntlich gemacht? Zeigt das Bild eine anonym bleibende Masse? Welche Funktion hat diese spezifische Bildauswahl für die Darstellung von Tätern und Opfern? Steht etwa der Einzelne repräsentativ für eine größere Masse? Steht die abgebildete Masse für jeden Einzelnen?

Welche Rolle können Individuum und Masse in den Bildern einer Ausstellung spielen, die vom Massenmord an einer bzw. mehreren Bevölkerungsgruppen handelt? Im Holocaust Memorial Center finden Bilder von Einzelpersonen sowohl auf der Täter- wie auf der Opferseite Verwendung. Der Betrachter findet jedoch in ebensolchem Ausmaß Darstellungen von großen Menschenmassen. Gerade bei der Abbildung von Einzelpersonen findet eine Anonymisierung vor allen durch fehlende Bildunterschriften und meist nicht vorhandene Provenienzangaben der Bilder statt. Der Besucher kann sich nicht mit einer bestimmten Person und einem individuellen Schicksal identifizieren. Er ist gezwungen, vom Einzelnen auf die Allgemeinheit zu schließen.
Auf der anderen Seite steht die Individualisierung. So werden einzelne Fotografien in der Ausstellung präsentiert, die in ihrer Einzigartigkeit dem Betrachter sofort ins Auge fallen. So findet man in Raum 2 (Deprived of rights) die Abbildung eines Mannes in Badehose und Sandalen, der vor einem Gitterzaun fotografiert worden war.
Die Auswahl des Bildmotivs zieht den Besucher fasziniert an. Über die Existenz des dargestellten Mannes ist offensichtlich nichts bekannt, doch scheint er trotz allem nicht in der Anonymität der Opfermasse zu verschwinden. Das mag daran liegen, dass sich die vordergründige Motivik des Bildes grundsätzlich von den optischen Reizen, die gemeinhin mit Verfolgung und Vernichtung assoziiert werden, abhebt: Ein Mann, bereit zum Badevergnügen. Kein Grauen steht ihm im Gesicht. Vor diesen Bildelementen rückt der Gitterzaun, rückt das Schild in den Hintergrund – und damit die In-Kontext-Setzung der Szene mit Judenverfolgung und -vernichtung. Der Mann sticht aus den anderen dargestellten Juden heraus. Dadurch jedoch bewegt sich der dargestellte Mann merkwürdig nah an uns heran – wir im Heute fühlen eine Verbindung zu jenem Unbekannten, weil dessen Darstellung mehr mit unseren Vorstellungen vom menschlichen Alltag zusammen trifft.

Doch auch Bilder, die zum Bereich Ästhetik des Schreckens gezählt werden können (vgl. Kategorie Ästhetik), ermöglichen die Individualisierung von zumeist unbekannten Personen. Die in Raum 5 (Deprived of human dignity) gezeigten Fotografien von Opfern medizinischer Forschungen sind in all ihrer Abstrusität und Abartigkeit zugleich so anziehend, dass sich der Besucher ihnen zuwendet und mehr über die dort Abgebildeten erfahren möchte. Es werden keine weiterführenden Informationen angeboten. Der Betrachter kann den Einzelnen nicht identifizieren – das bestimmte Ich bleibt unbekannt, ein anonymes Glied unter Millionen: Das einzelne Schicksal steht für das Schicksal vieler anderer.
Werden namhafte Täter mithilfe verwendeter Bilddokumenten individualisiert? Die bestimmenden Figuren der ungarischen Innenpolitik werden sowohl mithilfe Einzelbildnissen als auch anhand von Gruppenfotos vorgestellt, mit Namenshinweisen in der Bildunterschrift. Nationalsozialistische Offiziere, wie z. B. Feketehalmy-Czeyer Ferenc oder Grassy József, welche im Zuge der Judenvernichtung erwähnt werden, erscheinen auf Einzelaufnahmen. Bei den Tätern ist die Individualisierung leicht zu erkennen: Auf sie als herausragende Einzeltäter wird die Last der Vergangenheit geladen. Demzufolge erhalten einzelne Täter ein Gesicht.
Bei den Opfern ist nicht durchgängig der Wille zur Individualisierung gegeben: Oft genug soll die schwer fassbare Millionenzahl der Opfer, und nicht das Einzelschicksal verbildlicht werden. Deswegen fehlen meist genauere Informationen zu abgebildeten Menschen, die eine Personalisierung ermöglichen könnten.
In einigen Fällen bricht sich dies: Zu manchen ungarisch-jüdischen Familien wird eine ausführliche Familienchronik angeboten – ein längerer Text mit wenigen (bewegten) Bildern (Fotoanimation). Noch im ersten Raum werden 3 Lebensgeschichten an der Wand erzählt: jene von Miklós Adler und Lipót und Immánuel Löw. Das eigene Schicksal wird mit der Innenpolitik des Landes Ungarn verknüpft – hier dürfte auch eine Motivation der Ausstellungsmacher liegen, diese Familie für den Besucher als Individuengruppe kenntlich zu zeichnen: Sie dient als Bezugspunkt im großen Themenkomplex der Darstellung innenpolitischer Wirren. Ansonsten können zu jenen Familiengeschichten keine weiteren direkten Bezugspunkte entdeckt werden.