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Ästhetisieren

Von Katalin Riez und Simone Ming

Hat das Bild eine vorrangig ästhetisierende Funktion im Rahmen der Ausstellung? Wann und warum wird auf die Wirkung durch Ästhetik gesetzt? Welche Reaktion des Besuchers soll erreicht werden?

Setzt man sich mit der Funktion der Bilder im Holocaust Memorial Center auseinander, so wird klar, dass, offenbar noch mehr als Informieren und Illustrieren, ein Ästhetisieren im Mittelpunkt zu stehen scheint. Hierauf deuten auch die in der Ausstellung weitgehend fehlenden Provenienzangaben der Fotografien hin, die es dem Besucher nicht ermöglichen, weiterführende Informationen zu den Abbildungen einzuholen. Schnell ist man dazu geneigt, von einer Ästhetik des Schreckens zu sprechen. Diese Bezeichnung ist der Kunstgeschichte entlehnt und umschreibt vor allen Dingen die Anziehung oder Faszination, die ein nicht dem Zeitgeschmack entsprechendes oder gar anstößiges Kunstobjekt beim Betrachter auszulösen vermag.
Der Gesellschaftstheoretiker Walter Benjamin beschrieb 1936 in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: ders.: Gesammelte Schriften I, 2. (Werkausgabe Band 2) Frankfurt am Main 1980, S. 471-508. unter anderem das Verhältnis zwischen Fotografie und Film. In Bezug auf die Ästhetik des Schreckens und die Verwendung von Bildern (und Filmen) im Holocaust Memorial Center lassen sich hierbei interessante Parallelen ziehen, die nachfolgend näher betrachtet werden.
Sobald ein Gegenstand reproduziert wird, verliert er seine Einmaligkeit, seine unmittelbare Gegenwart ist beim Betrachten des Abbildes in der Regel nicht mehr vorhanden. Hierdurch wird die Fotografie des Objekts zu einer Art Metapher, die für die mit dem Motiv verbundene Geschichte steht. Das Abbild kann die Funktion einer Ikone übernehmen.

Gebückte Frau mit Kindern.
Bp. / 1. Mi a holokauszt / SD530911
Werden Fotografien aus der Zeit des Nationalsozialismus in einem Museum ausgestellt, so stehen auch sie – wie im Falle des Holocaust Memorial Center – stellvertretend für viele ähnlich geartete Ereignisse. Bereits im ersten Raum der Ausstellung stößt man auf eine Abbildung mit Ikonencharakter: Eine Frau in gebückter Haltung geht mit kleinen Kindern im Vorschulalter neben einem Gleis einher. Kopftücher verwehren den Blick auf die Gesichter der Abgebildeten. Die fehlende Bildunterschrift verheimlicht dem Betrachter, dass es sich um eine Fotografie aus dem sogenannten Auschwitz-Album handelt: Frau und Kinder sind auf dem direkten Weg in die Gaskammern des Vernichtungslagers. (siehe Bild)
Doch spürt der Besucher beim Betrachten des Bildes intuitiv (verknüpft mit dem Vorwissen, mit dem er die Ausstellung betritt), dass die im Museum erzählte Geschichte eine ist von erdrückender Härte und schwerer Last: Frau und Kinder begeben sich auf einen Weg, der einen Schlusspunkt hat. Auch ohne vorherigen Kenntnisse der Abbildung weckt das Bild Emotionen, vor allem durch seine faszinierend-bedrohliche, nicht näher ausgewiesene - und so einem selbst gewählten interpretativen Zugang offene - Bildästhetik. Die Kategorie des Ästhetisierens und des Emotionalisieren schmelzen hier ineinander (vgl. auch Kategorie Emotionalisieren).
Dieses Motiv aus dem Auschwitz-Album wird in Raum 7 (Responses) wieder aufgenommen. Die abgebildeten Personen wurden hier nachträglich eingeschwärzt – der Weg ist zu Ende.
Obgleich in diesen beiden Fällen nichts vordergründig Grauenerregendes dargestellt wird, kann hier ein erster Ansatz zur Ästhetik des Schreckens gesehen werden. Eine emotionale Weckung des Besuchers sowie eine Lenkung seiner Emotionen – Unbehagen, Gefühle nahender Bedrohung und des Ausgeliefertseins – funktioniert jedoch auch ohne Vorwissen.

Nach Walter Benjamin ist nur das Abbild in der Lage, ein Detail aus einer Situation hervorzuheben, das anderenfalls nicht beachtet oder in einem anderen Blickwinkel gesehen worden wäre. So lässt sich mithilfe von Fotografien auf Momente hinweisen, die der Betrachter – wäre er anwesend gewesen – in dieser Form nicht miterlebt oder empfunden hätte.
In Raum 6 (Deprived of life) wird der Besucher mit einer Reihe von Reproduktionen konfrontiert, die von unterschiedlichen Massakern an Juden in Ungarn erzählen. Einige der Fotografien zeigen Leichen, die nach dem Krieg geborgen worden waren. Teils handelt es sich hierbei um Nahaufnahmen, die in ihrer Direktheit und Klarheit schockieren und abstoßen zugleich. Es muss davon ausgegangen werden, dass die Aufnahmen bereits mit der Absicht entstanden sind, sie zu einem späteren Zeitpunkt einem bestimmten Kreis von Betrachtern zu präsentieren, um eine bestimmte Wirkung hervorzurufen. Nahe liegt es, dass es sich um Angehörige der Siegermächte oder des Roten Kreuzes handelte, die zum einen spätere Generationen abschrecken wollten, zum anderen vielleicht auch eine Identifikation durch Angehörige ermöglichen sollten. Zu den genauen Beweggründen und zur Identität der Fotografen werden jedoch (wie in der gesamten Ausstellung) keine Angaben gemacht. Der Urheber spielt keine Rolle für die von den Ausstellungsgestaltern forcierten Bildfunktionen Ästhetisieren und Emotionalisieren; sein Produkt steht im Zentrum. Eine Dekonstruktion der Ausstellung durch den Besucher als historische Narration der Ausstellungsmacher wird somit erheblich erschwert.
Sicher kann gesagt werden, dass ein direkter Augenzeuge der Exhumierungen mit hoher Wahrscheinlichkeit den Leichen nicht zu nahe gekommen sein dürfte. Die Pietät, die instinktive Angst vor dem Tod und der Leichengeruch dürften hierbei eine große Rolle gespielt haben. Ein überschaubarer Personenkreis hatte direkten Kontakt zu den Opfern.

Die Abbildungen in der Ausstellung im Holocaust Memorial Center rücken jene Momente in den Mittelpunkt, welche die meisten Überlebenden und Nachgeborenen in dieser Weise nicht sehen konnten oder wollten. Doch wecken die Fotographien auch hier die Instinkte des Betrachters: Man will sich abwenden, will es nicht sehen, kann es nicht länger sehen. Die ästhetischen Reize provozieren wiederum den Betrachter, wecken seine Gefühle: Diese Reize wollen weniger sachlich informieren (vgl. Kategorie Informieren) – sie zwingen den Besucher, sich zu positionieren: Wie steht er heute, in seiner Welt, zu solchem Grauen? Die Zeitdimensionen Gestern und Heute verschmelzen, die Verbrechen des NS-Regimes werden in der Gegenwart lebendig – und verweisen auf die bittere Aktualität von Menschenrechtsverletzungen in unserer heutigen Welt.